Spur – eine andere Schrift, ein anderes Denken (Teil 1)

Veröffentlicht: November 17, 2006 in Uncategorized
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Als Kind lernen wir das Sprechen durch Imitieren. Zunaechst brabbelt man drauflos, worauf bald eine rudimentaere Kommunikation mit den Eltern folgt. Noch waehrend sich Wortschatz und semantische Faehigkeiten im Aufbau befinden, werden wir mit Buechern konfrontiert – zunaechst sind dies Bilderbuecher, aber auch Buecher mit einfachen Texten ueben auf Kinder einen gewissen Reiz aus, wenn auch die kleinen schwarzen Kaefer, die von den Grossen als Buchstaben bezeichnet werden noch keine Bedeutung haben und die Texte nur vorgelesen werden.

[Disclaimer: Dieser Text ist keine linguistische oder philosophische Doktorarbeit; weswegen ich einige Aspekte lediglich anreisse und auch Postulate aufstelle, die ich hier nicht im Detail herleite oder beweise. Sollte eine fruchtbare Diskussion stattfinden, koennten einige Punkte durchaus in weiteren Artikeln vertieft werden]

Frueher oder spaeter jedoch lernen wir (noch immer in der sprachlichen Entwicklung) Lesen und Schreiben.
Ein Grossteil der Welt wird von dem uns wohlvertrauten Alphabet beherrscht – wenn es um Schrift geht. Doch existieren durchaus vielfaeltige andere Moeglichkeiten, Begriffe symbolisch darzustellen; man denke nur an aegyptische Hieroglyphen, die arabische Schrift oder chinesischen Schriftzeichen, die in weiten Teilen Ostasiens verstanden werden – wenn auch die Sprachen selbst dort starke regionale Unterschiede aufweisen.

Ich behaupte, dass der Umgang mit Sprache durch das Erlernen einer bestimmten Symbolschrift sehr stark gepraegt wird. Des weiteren bin ich mir sicher, dass die Art und Weise unseres Denkens durch den erlernten Umgang mit der Sprache beeinflusst wird. Somit laesst sich folgern, dass das Alphabet einen sehr grossen Einfluss auf unser Denken und unsere gesamte Kultur hat, der uns in seinem Ausmass gar nicht bewusst ist.


Ueber diese Aussagen kann man sehr viel philosophieren, doch denke ich, dass die meisten Menschen, die bereits eine nichteuropaeische Sprache erlernt haben, dem zustimmen werden. Der Begriff ‚Sprachgefuehl‘ bekommt naemlich eine voellig neue Bedeutung, wenn man Sprachen praktiziert, die auf einer anderen Symbolik aufbauen, ueber eine gaenzlich andere Grammatik verfuegen und schliesslich semantische Strukturen aufweisen, die uns unbekannt sind.

Ich wuerde durchaus so weit gehen, zu behaupten, dass allein schon das richtige Verstehen bestimmter Texte aussereuropaeischer Herkunft eine Kenntnis von Kultur und Sprache des Ursprungslandes vorraussetzt. Hierzu ein einfaches Beispiel.

Das Geraeusch des Staubsaugers ist fuer mich laestiger, als fuer unsere Katze.

Jeder, der eine Katze hat, kennt die Reaktionen dieser Tiere auf Staubsaugergeraeusche – naemlich Flucht. Menschen fliehen jedoch nicht vor Staubsaugern. Dieser Satz drueckt ein sehr starkes Empfinden aus, ein extrem unangenehmes Gefuehl, das durch das Geraeusch hervorgerufen wird.

Ein Mensch in einem anderen Kulturkreis, der womoeglich ohne Elektrizitaet aufgewachsen ist und Staubsauger nur als imaginaere automatische Besen vom Hoerensagen kennt, wird den Satz u.U. voellig anders interpretieren/uebersetzen. Bspw. so:

Der Klang elektrischer Besen macht meiner Katze nichts aus, fuer mich ist er jedoch unangenehm.

Dabei stellt sich der imaginaere Uebersetzer ein [wisch-wisch – surr-surr]-Geraeusch vor, das nichts mit dem droehnenden Saugen eines 1800-Watt-Dyson gemein hat.

Dass dieses Beispiel nicht allzuweit hergeholt ist moechte ich mit folgender Anekdote belegen:
1902 uebertrug ein Goethe-Verehrer dessen beruehmtes Nachtgedicht ins Japanische. Hier zunaechst das Original:

    Ueber allen Gipfeln ist Ruh
    In allen Wipfeln spuerest Du
    Kaum einen Hauch.
    Die Voeglein schweigen im Walde.
    Warte nur, balde
    Ruhest Du auch.

1911 uebertrug ein franzoesischer Verehrer japanischer
Lyrik die Verse ins Franzoesische.Woraus sie schliesslich ein deutscher
Bewunderer fernoestlicher Lyrik wieder ins Deutsche brachte:

    Stille ist im
    Pavillon aus Jade.
    Kraehen fliegen
    Stumm zu beschneiten
    Kirschbaeumen im Mondlicht.
    Ich sitze
    Und weine.

Ich behaupte nun, dass wir Westeuropaer anders Denken wuerden, wenn wir eine andere Schrift haetten. Nichts gegen das Alphabet. Doch befreit man sich einmal von der Vorstellung, dass dieses Alphabet die beste aller (Symbol-)Welten ist, kann man sich durchaus vorstellen, dass auch unsere Kreativitaet und Erkenntnisfaehigkeit durch eine andere Art von Schrift (und somit auch des Denkens) in neue, ungeahnte Bahnen gelenkt werden koennte.

zum 2. Teil

-m*sh-

P.S. Dieser Artikel resultiert aus einer Diskussion ueber unsere Schrift, die mehr oder weniger in unregelmaessigen Abstaenden im Teppichhaus Trithemius hier auf blog.de auftauchen. Bspw. hier

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Kommentare
  1. Trithemius sagt:

    Ich bin beeindruckt vom Anfang deiner Darstellung der Spurschrift und gespannt auf die Fortsetzung. Jetzt hast du eine Argumentationsfolge aufgebaut, aus der sich viel mehr entwickeln lässt als das Thema „Spurschrift“ vermuten ließ. Danke auch für das Beispiel für Übersetzung und Rückübersetzung der Goethe-Verse!

    Mit besten Grüßen
    Jules

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  2. sha-mash sagt:

    Ich werde das Thema bei vorhandenem Interesse fortfuehren. Allerdings wird in der kommenden Nacht-Wanderung (an der ich vermutlich – bedauerlicherweise -nicht teilnehmen kann), das Gross der Leser und Kommentatoren ohnehin im Teppichhaus sitzen und mit Buchstaben werfen.

    -m*sh-

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  3. Deleted sagt:

    Ich habe mich schon oft gefragt, ob ein Japaner oder Chinese, gar Araber auch andere Nationen, anders Denken, nicht nur der Schrift wegen.
    Ein Interessantes Thema, das ich erst einmal Geistig verarbeiten muss um ggf. etwas darauf zu erwidern.
    bernhard

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  4. Du kannst durchaus Recht haben mit deiner These, wer hätte jemals darüber nachgedacht? Ich jedenfalls nicht.

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  5. Deleted sagt:

    Wow, diese Gedankengänge! Das heißt zwischen den Kulteren liegt viel mehr, als „nur“ die Sprache und der Glauben! Das lässt sich so interpretieren, dass verschiedenen Wörtern auch verschiedenen Bedeutungen zugeschrieben werden. Verständigungsprobleme mal ganz anders!

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    • sha-mash sagt:

      Richtig. Man kennt ja auch den Terminus einer ‚anderen Mentalitaet‘, der in unserem Sprachgebrauch bereits auf nahestehende Kulturen wie Suedeuropaeer angewendet wird.

      Die Bedeutung eines Wortes muss immer im kulturellen Kontext interpretiert werden.
      Fuer einen Buddhistischen Moench kann Zeit ein Klang sein (Das ist nun nicht woertlich zu nehmen – nur als Andeutung zu verstehen).

      Verstaendigungsprobleme – ja. Doch will ich nicht auf Probleme oder gar die Unmoeglichkeit der Kommunikation hinaus, sondern auf die Chancen, die sich eroeffnen, wenn wir die Augen aufmachen und ueber den Tellerrand unseres soziokulturellen Backgrounds hinausschauen.

      -m*sh-

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  6. Frieling sagt:

    Ein spannendes Thema, lieber Sha-Mash, deine Ausführungen sind konsequent und nachvollziehbar. Während asiatische Schriftzeichen direkt als Bilder entstanden (Baum, Stein, Tor, Haus usw.), benutzen wir eine Kunstschrift, ein künstliches Alphabet, mit entsprechend eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten.

    Rupi

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  7. deleted user sagt:

    Darüber habe ich mir schon oft Gedanken gemacht, nur hat es mir bis jetzt niemand geglaubt.
    Ich husche einmal zum Teil2.
    Danke!

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  8. Elvira sagt:

    Ich bin ein wenig überrascht ob deiner Gedankengänge. Nachdem du dich zunächst bemühst, die Begriffe „Sprache“, „Sprechen“ und Schrift“ zu differenzieren, werden sie nachher dann doch wieder miteinander vermengt. Dass die Sprache unsere Art zu denken beeinflusst, ist doch spätestens seit Wittgenstein ein alter Hut.
    Was das Beispiel der japanischen Übersetzung des Goethe-Gedichts über verschiedene Schriftsysteme aussagen soll, ist mir schleierhaft. Dies ist allenfalls ein Beleg für unterschiedliche kulturelle Hintergründe.

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    • sha-mash sagt:

      Hallo Elvira,
      ich differenziere diese Begriffe zuerst, weil sie in unserer Erziehung und in unserer Kultur getrennte Erscheinungsformen einer gemeinsamen Basis sind.
      Mit der Vermengung, wie Du es nennst, rufe ich lediglich in Erinnerung, dass eine andere Sichtweise hierauf – die diese Bereiche vereinigt – ebenfalls moeglich ist.
      Wittgenstein kommt aus der Philosophie und ist zumindest vom erkenntnistheoretischen Ansatz her eher auf Begrifflichkeiten fixiert. Mit diesen Artikeln gehe ich jedoch auf den paedagogischen Aspekt ein, den die Trennung, bzw. Vereinigung von Schrift und Sprache liefern kann.
      Die Hin- und Rueckuebersetzung des Geothe-Gedichts soll aufzeigen, dass die Interpretation durch unterschiedliche Kulturen zu gaenzlich unterschiedlichen Ergebnissen fuehrt und somit unsere Kommunikation mit derartigen Kulturen einen gemeinsamen grosseren Gesamtkontext voraussetzt, will man Missverstaendnisse vermeiden.
      -m*sh-

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  9. Elvira sagt:

    „Die Hin- und Rueckuebersetzung des Geothe-Gedichts soll aufzeigen, dass die Interpretation durch unterschiedliche Kulturen zu gaenzlich unterschiedlichen Ergebnissen fuehrt und somit unsere Kommunikation mit derartigen Kulturen einen gemeinsamen grosseren Gesamtkontext voraussetzt, will man Missverstaendnisse vermeiden.“

    Sag ich doch. Das hat nichts mit Schrift zu tun.

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    • sha-mash sagt:

      Aber mit Denken und Sprache
      -m*sh-

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      • Lieber -s..mash- oder wie immer Sie sich nennen, habe vor Kurzem erst Ihre Artikel zu Kunowski und der Sprechspur (Wurzelschrift) gefunden und mittlerweile alle 5 Beiträge gelesen.

        Meine Hochachtung und herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Serie.

        Die erste ausgezeichnete und ausführliche Darstellung im Internet, die mir begegnete und ich habe schon seit längerem gesucht.

        Ich bin auch ein Spurer der ersten Stunden, denn schon 1949 habe ich meinem Vater geholfen sein Sprechspurkino (Tapeten-Kino) zu basteln. Charlotte W. und ich schreiben uns heute ab und zu in Sprechspur.

        Hier noch eine Frage: In Heft 2. des Jahrgangs 19 vom 15. Juni 1968 auf SSeite 274 wir ein G. als ‚erster Freispurer‘ vorgestellt. Kennen Sie ihn und gibt es diesen G. noch? Wie heißt er?

        Charlotte hat mit ihm keine Verbindung mehr.

        Mich interessiert auch Ihr bürgerlicher Name, denn ich möchte Charlotte fragen, ob Sie sich noch an Sie erinnern kann. Wenn ich fragen darf. Zu welcher Zeit waren Sie im Spielkreis?

        herzlich,

        KEW.

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      • sha-mash sagt:

        Bei diesem G. handelt es sich um meine Person.
        Für mehr Details stehe ich Ihnen per privater Mail zur Verfügung.

        -m*sh-

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